DichtArt LXXXIV – Der Dissident

Der Dissident

Wer, wie, was, der, die, das, wieso, weshalb, warum, wer nicht fragt, bleibt dumm. Erst heißt es, lerne Reden, um es dann verboten zu bekommen. Ach ja, Erziehung zu kritischem Denken und zur Selbstbestimmung, so lange, bis die Kinder anecken, plötzlich ist sie dahin, die allseits hochgelobte Freiheit der Selbstentfaltung. Ach? Du bist nicht so wie wir? Spendenkonto 204, der Doktor hat gesagt, das kommt noch in Ordnung. Es sind die toten Fische, die mit dem Strom schwimmen, der Lebende wird gefangen, seziert, fein säuberlich verpackt, verspeist und am Ende entsorgt, klinisch rein, versteht sich, damit er recycelt neu funktioniert. Und wenn das nicht klappt, naja, dann kann er immer noch als schlechtes Beispiel dienen, für die angepassten Mitläufer und ihrer Rechtfertigung braven Verhaltens, oder als Mahnmal für diejenigen, die auszubrechen versuchen. Warum ist er in dieser sich Toleranz auf die Fahnen schreibenden Gesellschaft bloß so unbeliebt und wird bis auf Messers Schneide gejagt oder vertrieben? Der Dissident ist von Natur aus unbequem, avanciert zum Mentor der Kritik und auch des Widerspruchs, er provoziert, regt zum Nachdenken an und, wenn es sein muss, erhebt er seinen Kampfesgeist; er verbiegt sich nicht in Konventionen und lebt frei nach dem Motto: Wer stehen bleibt, kommt nicht voran.

Der Dissident, er ist ein Wesen
Suchend, fragend und belesen
Offen stellt er Meinung kund
Wenn er weiß, es läuft nicht rund
Er geht auch gerne ins Gericht
Mit Dingen, wo’s nicht stimmig ist
Tabus, die prangert er ganz gerne an
Übertreibt auch manchmal, dann und wann
So stochert er in Wunden rum
Das finden andre ziemlich dumm
Er ist kein gern geseh’ner Gast
Für alle ist er eine Last
Im Grunde ist der Dissident
Ein Spiegel der Bequemlichkeit
Er zeigt, wenn’s Leben sich verrennt
Und ruft: hey Wandel, es wird Zeit!

Es ist die Angst vor der Wahrheit, dem Anderssein, dem Wandel, die ihn zum Dissidenten stempelt.


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