DichtArt LXXV – Carpe Vitae

Carpe Vitae

„Wirkungslos“ steht auf dem Stein, das manchem Leser gewahr sein lässt, wie Schuppen von den Augen fallend, fast schon panisch ins Bewusstsein rückt: was mach ich hier, wer bin ich bloß? Das Schicksal spricht zu ihm, wenn du nicht bist, auch ich nicht bin, klopft an die große Lebensfrage: wozu das Ganze in des endlos Zeitenspiel?

Die Zeit, sie tickt uns eine kleine Frist, solange, bis das Spiel zu Ende ist und zwischendrinne dann und wann rücken wir manches so zurecht als sei es für die Ewigkeit gemeißelt, hart schlägt das Herz, bis es bricht, und dann? Keine Kraft mehr übrig, um die Dinge, die wir uns in den Weg gelegt haben, allein zu verrücken. Das Ende lässt nie auf sich warten.

Über Jahrzehnte nach dem Leben gesucht, es abgezählt wie im Boxerring, Tag für Tag beiseitegelegt, gehofft, dass es doch irgendwann noch einmal beginnen möge, wie damals mit 17. Der Blick aus dem Fenster verrät ein Winken aus der Ferne, ich habe es stets links liegen gelassen, heute weiß ich, dass es mich immer rief, um mich hier rauszuholen, morgen wird es mein letzter Gang sein.

Das Leben gelebt? Tja, nun, frage ich den Spiegel, was hat es schon genutzt, außer mich am steten Abgrund feste ans Seil zu klammern, um nicht ins Bodenlose zu fallen und vielleicht fliegen zu lernen. Den Horizont rasch auf ein Rechteck reduziert, die Flügel gestutzt und schön Schwarz gemalt, und ich hab Ja gesagt zu all den verpassten Häfen, zu deren bunten Lichtern ich kein Einlass erhielt, weil ich im Vorverkauf den Preis des Abenteuers nicht zahlen wollte. Wer weiß, denn sonst würde ich alternder Hippie heute mit dem Bus durch Traumania tingeln, endlich, mit dir, meiner Lebensliebe, die nie wirklich sesshaft wurde.

Stattdessen. Altenteil. Träumereien verpasster Chancen, aus dem Karton gehüteter Sehnsüchte gefischt und an die Wand gepinnt. Ach, was hätten wir tanzen können, mein Lieb, bis wir berauscht vom Leben im Nebel nach drüben – glücklich einander gewesen zu sein – frei hinübergleiten in das Land, das wir uns von Anfang an ausgemalt hatten, von Kindesbeinen an und mit dem Ballon des Lebens aufsteigen ließen in der Hoffnung ihm eines Tages folgen zu können. Doch der Ballon platzte vorzeitig und bettete sich unter dem Stein, auf dem in Zährenblut geschrieben steht: Wirkungslos.


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